Einige Anmerkungen zum Komponieren mit dem Akkordeon

In der Musikgeschichte gibt es viele Beispiele für Werke deren Komponist gleichzeitig auch ausführender Musiker war (Buxtehude, Bach, Chopin und Liszt etc..).

Eine andere Möglichkeit ist die Zusammenarbeit von Komponist und Interpret, wie z.B. der Geiger Joseph Joachim mit Johannes Brahms für das Violinkonzert oder wie der Cellist Rostropovitsch mit Shostakovitsch, Britten und Lutoslawski für Cellowerke.

Dieser Artikel ist dazu bestimmt, Komponisten die Möglichkeiten des Akkordeons grob aufzuzeigen. Weil verschiedene Instrumententypen sich in Tonumfang, Registriermöglichkeiten und Grifftechniken unterscheiden, habe ich mich bei meinen Beschreibungen auf das von mir gespielte Modell beschränkt (Pianoakkordeon mit vorgelagertem Manual 3).

Es geht in diesem Artikel nicht um die Möglichkeiten des Instruments, sondern um das Aufzeigen seiner Grenzen, um zu verhindern, daß Kompositionen unspielbar werden.

Curriculum Vitae

Das erste Akkordeon wurde 1829 in Wien von dem Österreicher Cyrill Demian zum Patent angemeldet. Es handelte sich um ein kleines diatonisches Balginstrument mit 10 Tönen in der rechten sowie Baßtönen und vorgefertigten Akkorden in der linken Hand; ein Prinzip, das bis heute beibehalten wurde.

Das Akkordeon, obgleich sehr erfolgreich in der Popular- und Volksmusik, konnte sich bis in die 50er Jahre dieses Jahrhunderts keinen Platz in der Kunstmusik erobern.

"Noch hat man nicht das Recht", sagt der Bourgeois in Honoré Daumiers Karikatur von 1865, "die Leute zu töten, die dieses Instrument spielen, aber es ist zu hoffen, daß man es bald haben wird." In solchen Worten drückt sich mehr aus als die Wut auf einen Musiker und sein Instrument, die die Kontemplation im feinen Salon stören.
[aus: Rolf W. Stoll in Neue Zeitschrift Für Musik 2/94 Seite 1]

Das heutige Konzert-Akkordeon ist chromatisch und besitzt einen Tonumfang von KontraE bis c5, auf 2 chromatische Manuale verteilt. Außerdem existert noch das historische, traditionelle Standardbaßmanual mit seinen vorgefertigten Akkorden.

Aufgrund der zunehmenden Präsenz dieses Instrumententyps wurden und werden seit ca. 1927 und in den letzten Jahren verstärkt zeitgenössische Komponisten wie Paul Hindemith, Isang Yun, Sofia Gubaidulina oder Adriana Hölszky dazu angeregt, originale Werke für das Akkordeon zu schreiben.

Das Spielmanual der rechten Hand (MI)

In der internationalen Akkordeonwelt existieren zwei verschiedene Diskantmanuale: das Chromatic Button Manual (Knopfgriffakkordeon) und das Piano Manual (Pianoakkordeon). Man bezeichnet beide mit "Manual eins" (MI). Innerhalb des gegebenen tonalen Umfangs kann der Spieler auf dem Manual all das tun, was auch ein Pianist oder Organist mit seiner rechten Hand kann - Skalen, Akkordstrukturen, homophones und polyphones Spiel, Sprünge, Glissandi, Cluster etc... - in allen denkbaren Tempi.

Das Pianomanual

45 Tasten. Tonumfang e - c4 im 8-Fuß Register. Durch die transponierenden 16- und 4-Fuß Register erreicht man einen Tonumfang von 62 Tönen, E - c5.

Stimmung: a1 = 442,5 Hz

Junge Spieler benutzen in der Regel kleinere, ihrer Körpergröße angemessene Instrumente mit weniger Knöpfen, Tasten und Registern.

Die Spielmanuale der linken Hand

Das Free-Bass-Manual (MIII)

58 Knöpfe. Tonumfang KontraE - cis3 im 16-Fuß Register und E - cis4 im 8-Fuß Register. Belegung siehe Tabelle

Es gibt 3 Bauformen für das MIII:

  1. Am seltensten sind reine MIII-Instrumente, die über kein MII-Manual verfügen.
  2. Daneben gibt es Instrumente mit MIII als 3 vor das MII vorgelagerte Knopfreihen und
  3. Instrumente, bei denen 3 Knopfreihen des MII mittels einer mechanischen Umschaltung als MIII belegt werden können.

Die beiden letztgenannten Ausführungen sind in der Regel Instrumente der professionellen Akkordeonisten und stark engagierten Laien. Der weitaus überwiegende Teil der Laienspieler verfügt derzeit lediglich über ein traditionelles MII-Akkordeon, meist mit 41 Pianotasten im MI (KontraF bis a2) und 120 Baßknöpfen im MII.

Aus fingertechnischen Gründen ist die linke nicht so flexibel wie die rechte Hand. Der Daumen kann fast nie benutzt werden, da er zur Balgführung und damit zur Tongestaltung gebraucht wird. Die linke Hand wird durch den sogenannten Handriemen gesteckt, der linke Ober- und Unterarm kontrollieren die Öffnungs- und Schließbewegungen des Balges und damit die Dynamik des Instruments.

Die fingertechnischen Möglichkeiten der linken Hand können mit der linken Hand des Pianisten verglichen werden, wobei folgenden Einschränkungen beachtet werden müssen :

  1. ohne Daumen
    maximale komfortable Handspanne bei Doppelgriff-Intervallen : 1 Oktave. (z.B. der Wechsel zwischen zwei Terzgriffen sollte im Rahmen einer Oktave liegen).

    Einige Vierklänge sind unbequem, Dreiklänge sind sicherer. Alle Umkehrungen sind ausführbar.

    Arpeggien über mehrere Oktaven sollten vermieden werden (kein Daumen-untersatz möglich).

  2. keine schnellen Sprünge weiter als 1 Oktave
    Gößere Sprünge ohne "Atempause" müssen vermieden werden. Wenn sich die Hand über mehrere Oktaven bewegen soll, ist eine Finger-Krabbel-Technik geeigneter. Der Akkordeonist kann beim Spielen seine Manuale nicht sehen. Er benutzt daher speziell markierte Knöpfe als Orientierungspunkte.

  3. keine Prestissimo - Passagen
    Spielens nicht geändert werden muß. Virtuose Läufe sollten wenn möglich auf die rechte Hand beschränkt werden. Allegretto - Tempi sind als Limit für das linke Manual empfohlen.

  4. keine Glissandi links
    Glissandi in der linken Hand sind unmöglich, in der rechten jedoch sehr einfach auszuführen.

Das Standardbaß-Manual (MII)

Das traditionelle "Oom-pah-pah" Baßmanual wird "Standardbaß-Manual" genannt. Es besteht aus 12 in Quintenfolge angeordneten Baßtönen von KontraE bis D#. Die genaue Belegung ist der Tabelle zu entnehmen. Zu jedem Baßton gehört eine Reihe von vier vorgefertigten Akkorden :

  • Durakkord
  • Mollakkord
  • Dominantseptakkord (ohne Quinte)
  • Ganzverminderter Septakkord (ohne Quinte)

Alle Akkorde sind Dreiklänge, die aus dem Tonmaterial g-fis1 gebildet werden. Der Spieler kann weder Tonhöhe noch Akkordlage dieses Manuals ändern, da sie vom Instrumentenhersteller fest eingebaut sind. Für homophone Musik in Dur/Moll mit einfacher rhythmisch - harmonischer Baßbegleitung im Kadenzmuster (Volksmusik) ist das MII sehr praktisch, wohingegen Komponisten seriöser Musik des 20ten Jahrhunderts kein besonderes Interesse am MII zeigten; es wird lediglich sporadisch eingesetzt.

Registrierung

Das Akkordeon besitzt Register im MI wie auch im MIII. Die Spieler benutzen zur Verständigung die der Orgelterminologie entnommenen Fußangaben, im Notensatz dagegen finden folgende Symbole Verwendung :

  1. Die Register des MI
    Es stehen hier 4 Chöre mit der Disposition 16-, 8-, 8-, 4-Fuß zur Verfügung. Die Symbolik:
    Registersymbol 16-Fuß Chor   Registersymbol 4-Fuß Chor
    Registersymbol 8-Fuß Chor im Cassotto (Tonkammer)   Registersymbol 8-Fuß außer Cassotto (Tonkammer)

    Es können alle Chöre miteinander kombiniert werden, z.B.:
    Registersymbol 16'+8'+4'

  2. Die Register des MIII
    Es stehen hier 2 Chöre mit der Disposition 16- und 8-Fuß zur Verfügung. Die Symbolik:
    Registersymbol 8-Fuß Chor   Registersymbol 4-Fuß Chor

    Es können beide Chöre miteinander kombiniert werden:
    8+4 - Fuß

  3. Die Register des MII
    Auch das Manual II besitzt Register, über die unterschiedliche Oktavkopplungen gewählt werden können. Diese Register sind aber nicht normiert und jeder Akkordeonbauer baut die Kopplungen nach seinem Geschmack, so daß sich keine allgemein gültige Aussage machen läßt.

Jeder Chor besitzt wie ein Orgelregister seinen eigenen Klangcharakter, der sich nur am jeweiligen Instrument aushören läßt.

Notation

Gebräuchlich ist das Klaviernotationssystem mit Violin- (G-) und Baß- (F-) Schlüssel in zwei Zeilen.

Pitch Notation ist die gebräuchliche und praktischste Notation. Bei Kombinationsregistern klingt der tiefste Chor gemäß der Notation, alle anderen Chöre entsprechend höher mit.

Beispiel für Pitch-Notation

Bei Stücken für das MII (und ausschließlich hier) ist es weit verbreitet, die Baßtöne und Akkorde der linken Hand zusätzlich zur Notation mit Buchstaben und Akkordsymbolen zu bezeichnen. Dies sind geschichtliche Überbleibsel aus einer Zeit, in der unsere Literatur in Griffschrift (Tabulatur) aufgezeichnet wurde. Viele Spieler tun sich auch heute noch leichter, wenn unter den Noten die Buchstaben zu lesen sind.

Beispiel für Baß-Beschriftung

Spezielle Effekte

Pitch Bending

Tonhöhenbeugungen abwärts sind am Akkordeon durch halben Tastenhub und extreme Luftdrücke möglich. Sie sind weiterhin abhängig von der Länge der Stimmzungen und können deshalb nur bis Tonhöhen niedriger als etwa c2 gespielt werden.

BELLOWS SHAKE (Schüttelbalg)

Durch permanentes schnelles Hin- und Herbewegen (Schütteln) des Balges entstehen Tonrepetitionen ähnlich dem Violinentremolo. Es gibt :

  • Bellows Shake; Betonung auf jedem 2. Ton (Duolen).
  • Triple Shake; Betonung auf jedem 3. Ton (Triolen).
  • Quadruple Shake; Betonung auf jedem 4. Ton.

Sämtliche Shakes fordern hohen Krafteinsatz des Spielers.

Cluster - Glissandi - Vibrati - Tastengeräusche - Registerklappern - Spielwindgeräusche - Klopfen auf das Instrument - etc., etc.

Dies sind einige der bisher verwendeten unorthodoxen Akkordeon-Effekte, die in der neuen Akkordeon-Literatur Verwendung finden - hier setzt nur die Phantasie Grenzen.

praktische Faustregeln

gleiche Dynamik in beiden Händen

Das Akkordeon hat einen großen Dynamikbereich vom niente bis fortissimo. Es darf jedoch nie vergessen werden, daß der im Balg erzeugte Luftdruck (Lautstärke) immer auf beide Manuale wirkt. Ein ff in der linken Hand bedeutet automatisch auch ein ff in der rechten. Unterschiedliche Dynamiken sind nicht möglich !!

Weil die Lautstärke des Instruments nicht über die Anschlagdynamik bestimmt wird, ist es außerdem unmöglich, innerhalb eines Manuals bei einem Mehrklang einzelne Töne hervorzuheben (man muß dazu die hervorzuhebenden Töne in das andere Manual legen und mittels Registrierung hervorheben).

der tiefste Ton dominiert

Wenn zwei oder mehr Töne auf dem selben Manual gespielt werden, wird der tiefste Ton am stärksten zu hören sein - wie bei der Orgel. Soll ein anderer Ton dominieren, wird man ihn in das anderes Manual verlegen.

kein Pedal - Effekt

Das Akkordeon kann in der Tonerzeugung mit einem Blasinstrument verglichen werden; der Bläser muß atmen, der endliche Balg muß seine Richtung wechseln. Dabei stoppt der Ton augenblicklich, als ob man die Taste losließe. Also :

  • kein Pedaleffekt wie beim Piano
  • kein Ausklingen der Töne wie bei Cello, Gitarre, Cembalo...
  • keine unendlichen Töne

Das Akkordeon kann einen ununterbrochenen Ton nur solange spielen bis der Balg seine Richtung ändern muß. Dabei ist der Luftverbrauch (Lautstärke, Anzahl der Töne, Register) maßgebend.

Kompositionen Theatermusik

Konzertakkordeon wird im Sitzen gespielt. Soll der Akkordeonist auf der Theaterbühne im Stehen spielen können, darf er in der linken Hand keine "weiten Wege" zurücklegen. Das linke Manual bewegt sich; die linke Akkordeonhälfte wiegt bis zu 8 kg und muß getragen werden und es ist keinerlei optische Kontrolle möglich. Dies alles erschwert dem Akkordeonisten das treffsichere Greifen weiter Distanzen. Die Grifftabelle gibt Auskunft über die Entfernungen im Manual 2 & 3.

Hauke Seifert
nach einem Text von Mogens Ellegaard in "Accordion News Bulletin 4 / 12.93"

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